Michael und Brigitte wohnen erst seit kurzer Zeit in dieser Gegend. Zuvor hat das Ehepaar in mehr als acht Jahren die Welt umsegelt. Fasziniert hören wir von den Reiseerlebnissen der beiden. „Wenn ihr wollt, könnt ihr heute Nacht auf unserem Schiff schlafen.“
Einige Tage später erreichen wir Sibenik. „Wenn Sie duschen wollen, müssen Sie den Boiler hier einschalten. Vergessen Sie bitte unter keinen Umständen, ihn anschließend wieder auszuschalten, sonst explodiert er“, instruiert er uns.
Es war uns mehrmals geraten worden, diesen Küstenabschnitt nicht auf dem Festland, sondern auf der Insel zurückzulegen. „Auf dem Festland ist immer Winter, außer während zwei Monaten“, hatte eine Frau in Rijeka ihren Ratschlag bekräftigt. Eine andere Frau hatte uns erklärt: „Ein junger Mann musste zwar einmal kriechend und sich am Geländer festklammernd die Brücke zurück zum Festland überqueren …
Ein junger Mann mit Rucksack kommt uns entgegen und fragt uns nach dem Woher und Wohin. Nachdem wir ihm Auskunft gegeben haben, überrascht er uns mit seiner Warnung: „Ihr könnt unmöglich weitergehen. Die Bura ist zu gefährlich.
Bei Warnungen befinden wir uns immer im Zwiespalt. Eine große Anzahl davon haben wir schon im Vorfeld unserer Reise zu hören bekommen. Wenn wir jedoch auf jede Warnung gehört hätten, wären wir zu Hause geblieben. Wie können wir die für uns relevanten Warnungen von solchen unterscheiden, die wir nicht ernst zu nehmen brauchen? Wir haben Folgendes für solche Situationen gelernt:
Die Bora, kroatisch Bura, ist ein trockener, kalter und böiger Fallwind zwischen Triest und der kroatischen und montenegrinischen Adriaküste. Winde vom Bora-Typ gehören zu den stärksten der Welt. Spitzengeschwindigkeiten einzelner Böen erreichen Werte bis zu 200 km/h. Die Bora tritt zu jeder Jahreszeit auf, doch im Winterhalbjahr muss mit länger anhaltenden Stürmen gerechnet werden. Es ist keine Seltenheit, dass Brücken oder Küstenstraßen zeitweise gesperrt oder Fährlinien eingestellt werden müssen. Senj gilt als Gebiet mit besonderer Bora-Häufigkeit. Die kahlgefegte Küstenlandschaft in dieser Gegend zeugt von der Heftigkeit der Stürme.
Als wir später am Straßenrand mit einem Ehepaar ins Gespräch kommen, laden sie Hanspeter mitten in der Unterhaltung zu einem Glas Schnaps ein. Und das am helllichten Tag! Andere Länder, andere Sitten. Hanspeter lehnt dankend ab und trinkt stattdessen Saft. Auch auf die vielerorts am Spieß gegrillten und am Straßenrand feilgebotenen Spanferkel verzichten wir gerne.
Von Triest aus folgen wir dem Rosandratal-Radweg, einer alten Eisenbahnstrecke, die einst von Triest nach Kozina führte. Der Weg heißt offiziell „La pista ciclopedonale Giordano Cottur“ und ist vor allem wegen seiner einmaligen Aussichtspunkte bekannt. Die Route führt zuerst ein Stück am Hang des Monte Stena entlang und geht dann in den Naturpark Val Rosandra über. Auf einer Länge von insgesamt 20 Kilometern werden 500 Höhenmeter überwunden.
Seit 1969 findet im Golf von Triest immer am zweiten Sonntag im Oktober die sogenannte Barcolana-Regatta, eine der größten Segelregatten der Welt, statt. Das Event zieht jedes Jahr 250 000 Menschen an. Benannt ist das Bootsrennen nach einem Vorort von Triest namens Barcola.
An der Regatta kann vom Anfänger bis zum Profi jeder mitmachen. Einzige Bedingung zur Teilnahme: Das Segelboot muss eine Länge von mindestens 6 Metern haben. So kommt es, dass sich bei diesem Anlass eine enorme Vielfalt an Schiffen im Mittelmeer tummelt. 2010 sind es 1842 Boote, die an den Start gehen. Gewinner ist der Slowene Igor Simčič, der mit der „Esmit Europa 2“ einen neuen Streckenrekord erzielt. Doch es geht bei dieser Regatta nicht nur ums Gewinnen: Dabeisein ist hier alles.
„So langsam müssen wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft machen“, stellt Hanspeter fest. „Unter 300 Euro kriegt ihr in Triest kein Zimmer“, hat uns vor zwei Tagen ein junger Mann gewarnt. „Wegen der bevorstehenden Barcolana-Segelregatta sind extrem viele Gäste in der Stadt.“ Wir lassen uns nicht entmutigen. „Schau, dort ist …
„Geschlossen.“ Dieses Wort sollte uns ab Anfang Oktober in verschiedenen Sprachen regelmäßig begegnen. So wie heute Abend am Tor eines Campingplatzes in Punta Sabbioni. „Wahrscheinlich kommen jetzt keine Touristen mehr und die Besitzer können nach einem arbeitsreichen Sommer endlich selbst Urlaub machen“, überlegt Annemarie. Nach einem langen Marsch sagt Hanspeter am folgenden Tag: „Wir schaffen es noch bis ins nächste Dorf.“ Da wir auch dort wieder geschlossene Campingplätze vorfinden, fragen wir einen Bauern, ob wir das Zelt auf seinem Grundstück aufstellen dürfen. Unmissverständlich teilt er uns mit, dass wir bei ihm nicht erwünscht seien.